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ARCO braucht mehr Patenschaften
ARCO’s Umwelt bewirkt Anpassungen der Arbeitsziele von ARCO Associação Beneficente, São Paulo.
Vortrag von Norbert Gmür an unserer Mitgliederversammlung 2007
Wenn immer von Brasilien gesprochen wird, so hat jede Person Bilder vor Augen, seien es Erinnerungen oder Vorstellungen aufgrund von Gelesenem: Ein tropisches Land mit viel Sonne, Stränden, riesigen Wäldern und Äckern, freundlichen Menschen, hübschen Mädchen, ein Land mit grossen Städten und chaotischem Verkehr. Brasilien ist das alles, aber auch z.Zt. der Welt grösster Erzexporteur, grosser Exporteur vieler Agrarprodukte und vor allem auch der Welt grösster Alkoholproduzent aus Zuckerrohr.
Brasilien ist aber auch das Land extremer sozialer Gegensätze mit unendlich vielen Favelas (Elendssiedlungen) und bitterster Armut.
Wer geglaubt hat, wirtschaftliche Stabilität und Wachstum würden den Graben zwischen Reich und Arm reduzieren, ist nach zwölf Jahren Währungsstabilität arg enttäuscht.
Anfang Januar 2007 hat einer der Architekten der Währungsreform von 1994 geschrieben, dass sich die Lebensqualität für viele Menschen stark verschlechtert habe, die Zentren chaotischer übervölkert seien denn je, und die öffentliche Sicherheit als zusammengebrochen gelten muss. Der Autor, André Lara Resende, weiss am Ende seines Artikels nicht, wie das Problem der sozialen Ausgrenzung angegangen werden soll.
Eine andere, auch im Januar 2007 kommentierte wissenschaftliche Studie, kommt ebenfalls zum Schluss, dass mit Wirtschaftswachstum die Unterentwicklung und die gewaltigen sozialen Unterschiede nicht überwunden werden können; deren Ursachen liegen in der Struktur der brasilianischen Gesellschaft, die seit der Kolonialisierung auf Familien-Potentaten aufgebaut ist, die gegen jegliche Gleichheits- oder individualistischen Bestrebungen sind. Die Grenzen zwischen den ausgegrenzten armen Volksschichten und der Mittelklasse sind kaum zu überwinden: In die Schule zu gehen genügt nicht, um später die sozialen Barrieren zu überwinden.
Den Kindern der sozial ausgegrenzten Familien fehlen Selbstvertrauen, soziale Anerkennung sowie die familiären Lernprozesse für das soziale Verhalten. Die «Kinderstube» der Ausgegrenzten führt zur Tradierung des Verhaltens eines Ausgegrenzten, dessen ethisch-moralische, soziale und politische Prägungen sehr unterschiedlich sind zu jenen der sogenannten Mittelklasse.
Zu diesen, jetzt im Januar 2007 publizierten Erkenntnissen, sind wir bei ARCO bereits vor einem Jahr gelangt und haben dann ab Mitte 2006 begonnen, unsere Arbeitsziele neu zu definieren.
a) Dem Gründerehepaar von ARCO haben vor 16 Jahren zwei Ziele
vorgeschwebt: 1) Betreuung einer beschränkten Anzahl elternloser Kinder in
einer Grossfamilie sowie 2) Betreuung von Kindern, welche die Grundschule
besuchen, in einer Tagesstätte, um sie von der Strasse fernzuhalten. Mit dem
Aufbau einer Krippe für Kleinkinder begann 1995 die Betreuung der inzwischen
auf 120 Kinder angewachsenen Gruppe der 1- bis 6-Jährigen.
Diese Betreuungsphilosophie war bis
etwa 2003 für die Aktivität von ARCO vorwiegend wegleitend. Jedes Jahr hat die
Anzahl der betreuten Kinder zugenommen, vor allem jener, welche die Grundschule
besuchen. Für diese Betreuung bezahlt die Stadtverwaltung ARCO einen
wesentlichen Anteil an die damit verbundenen Personalkosten.
b) 2004 begann eine Wandlung: ARCO wurde gebeten, 50 Jugendliche im Mittelschulalter (15-18 Jahre) während 4 Stunden pro Tag aktiv zu betreuen, vor allem mit dem Ziel, jene, welche keine Schule mehr besuchten, zur Fortsetzung ihrer schulischen Ausbildung zu bewegen. Im Umgang mit diesen, in ärmsten Verhältnissen lebenden Jugendlichen, wurde uns bewusst, über welch prekäres Wissen diese nach 8 Schuljahren verfügen. Sowohl die Kenntnisse der Muttersprache als auch der Mathematik waren in den meisten Fällen extrem schwach. Dies bewog ARCO, 2005 ein Stützprogramm in Portugiesisch und Mathematik zu starten, mit je 1½ Stunden Unterricht pro Tag.
c) Anfangs 2006 bei ARCO durchgeführte Tests ergaben, dass 80% der Schüler ab dem 4. Schuljahr grosse Teile des ihnen vermittelten Unterrichtsstoffes am Ende des Schuljahres nicht assimiliert hatten. Sie steigen trotzdem in die nächst höhere Klasse auf, sodass sich die Schere zwischen dem Soll-Wissen der besuchten Klasse und dem tatsächlich assimilierten Wissen immer weiter öffnet. Wir haben anfangs 2006 6.-Klässler entdeckt, die weder das Alphabet vollständig kannten noch addieren konnten.
d) Für diesen desolaten Zustand sind die Lehrer nur zum Teil verantwortlich zu machen. Sie kümmern sich in keiner Weise um einzelne Kinder, zum Teil aus ihrer Einstellung heraus, die darauf hinaus läuft, dass die Kinder der armen Bevölkerung sowieso bildungsunfähig seien und es sich daher nicht lohne, sich mit ihnen abzumühen, zum anderen Teil, weil ein geordneter Unterricht in Klassen mit 40 und mehr, schlecht erzogenen Schülern, fast ein Ding der Unmöglichkeit ist.
e) Es besteht kein Zweifel, dass das familiäre und sozial-wirtschaftliche Umfeld, in welchem die Kinder aufwachsen, gewaltige Hemmfaktoren für ihre intellektuelle Entwicklung sind. 60% der Kinder haben keinen Vater, die Mutter arbeitet den ganzen Tag «auswärts»; der Mehrheit der Kinder fehlt eine erwachsene Bezugsperson, mit der sie ihre persönlichen und schulischen Probleme besprechen könnten. Über ¼ der Erwachsenen sind selber Analphabeten.
Als Folgen dieses familiär-sozialen Rahmens haben die Kinder
-
wenig Selbstvertrauen,
-
sind im Umgang mit unbekannten Personen sehr scheu,
-
haben einen sehr limitierten Wortschatz und eine
schlechte Aussprache.
Die Startbedingungen in der öffentlichen Schule sind für sie denkbar ungünstig.
f) Als wir bei ARCO 2005 das Programm «Lesen und Schreiben mit Qualität» begannen, glaubten wir, mit Nachhilfeunterricht in 1-2 Jahren die Wissenslücken auffüllen zu können. Wir waren viel zu optimistisch, da der Aufholprozess viel langsamer verläuft. Besonders bei der Gruppe der 15-18-Jährigen (von denen die meisten ARCO nur während einem Jahr besuchen) mussten wir erkennen, dass sich Versäumnisse von 8 Jahren nicht in 10 Monaten ausgleichen lassen. Wir bekamen das Gefühl, dass der Arbeitsaufwand zu wenig Früchte trägt. Gleichzeitig wurde uns klar, dass ARCO bei den Schulanfängern, in vielen Fällen, eine Art Vater/Mutter-Funktion übernehmen und sie intensiver begleiten sollte. «Betreuung» allein kann diese Aufgabe nicht erfüllen.
g) Die Konfrontation mit all diesen «herausgeschälten» Erkenntnissen hat ARCO daher veranlasst, gewisse Schwerpunkte neu zu setzen:
Mit dieser Anpassung will ARCO mehr zum Erfolg in der Schule beitragen als sie das bisher als betreuende Tagesstätte tun konnte. Die Kinder des Vorschuljahres sowie der ersten drei Grundschuljahre sollen beim Lernprozess aktiv von ARCO-Betreuerinnen stimuliert und geleitet werden.
Auf welche Weise ARCO den Kindern und Jugendlichen helfen kann, Selbstbewusstsein und Umgangsformen zu gewinnen, ist zur Zeit noch Gegenstand von Überlegungen der Verantwortlichen, wird aber in Zukunft erhebliche Bedeutung erlangen.
Wir von ARCO glauben, mit den aufgezeigten Anpassungen, der immer schwerer auf den Kindern lastenden Ausgrenzung wirksamer entgegen treten zu können. Erfolge werden kurzfristig kaum sichtbar werden, unsere Arbeit gewinnt aber an Nachhaltigkeit.
Allen unseren Wohltätern danken wir von Herzen für ihr Vertrauen und ihre Unterstützung.
N.Gmür, 8.2.2007